Bicicapace Justlong – Erfahrungen und Fahrbericht

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Das „Bicicapace Justlong“ im Alltagstest

Das Bicicapace Justlong ist seit längere Zeit in unserer Familie. Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte…

Wir sind eine Fahrrad-Familie. Seit wir um 2005/2006 herum unser Auto verkauft haben – ein alter Peugeot 205, Baujahr 1991, dem damals größere Reparaturen drohten, die sich nicht mehr lohnten – waren wir auf zunächst mit öffentlichen Verkehrsmitteln mobil. Im Laufe der Zeit waren wir allerdings immer mehr mit dem Fahrrad unterwegs. Unsere damals noch einzige Tochter war etwa 4 Jahre alt, als wir mehr und mehr begannen, als Familie Rad zu fahren. Kindersitz, zwei Kinderanhänger unterschiedlicher Qualitätsklassen und später erste eigene Fahrräder für das Kind waren das, was wir nutzten.

Nun sind wir inzwischen zu fünft – wir haben noch zwei Kinder dazubekommen, die aktuell 5 und 3 Jahre alt sind, aber ein Auto haben wir weiterhin nicht. Das liegt daran, dass wir es uns a) nicht leisten können und b) fast nie benötigen, denn dort, wo wir wohnen – in Hamburg Bahrenfeld – finden sich alle Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Das heißt, dass wir auch aktuell fast überall hin mit dem Rad fahren. Hin und wieder kombinieren wir das mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sprich bei größeren Touren auf dem Hinweg per Rad, zurück mit Rad + Bahn. Bei Bedarf greifen wir auch auf Carsharing zurück.

Am besten – testen

Bis vor knapp 2 Jahren fuhren die beiden Kleinen bei meiner Frau auf dem Rad mit – eine hinten, eine vorne. Passende Kindersitze gibt es ja auch für vorne. Nun könnte man das für total ungerecht gegenüber halten, aber Tatsache ist in unserem Alltag, dass zu 90% meine Frau mit den Kindern unterwegs ist. Das funktionierte auch größtenteils ziemlich gut, aber da das Rad einige Wartung benötigte und Kinder nun mal größer werden, mussten wir uns auch langfristig eine andere Lösung für den Transport von Kind & Kegel überlegen.

Aus Vorkenntnissen und nach einiger Recherche im Internet kannten wir erstmal nur zwei verschiedene Typen von Lastenrädern – „Dreiräder“, also Modelle mit zwei Rädern und einem großen Kasten vorne sowie einem Hinterrad (auch „Christiania-Bikes“ genannt), dann die längere, einachsige Variante mit unterschiedlich langen und breiten Kästen vorne (als „Long John“ bekannt).

Der Vorteil der ersten, breiten Variante erschien uns offensichtlich – Stabilität beim Fahren, vor allem bei Schnee und Eis im Winter. 

Für die zweite, längere Variante sprach die bessere Wendigkeit und die geringere Breite.

Ein „Long John“

Aber es geht nichts über eigene Praxiserfahrungen! Daher machten wir uns auf den Weg zu Ahoi Velo, einem Fahrradhändler spezialisiert auf Lastenräder in Hamburg, Nahe des U-Bahnhofs Schlump. Dort kann man vor Ort verschiedenste Hersteller und Modelle begutachten und – ganz wichtig – direkt in der Umgebung ausprobieren.

Als erstes testeten wir ein breites Modell der Art „Dreirad“ von Bakfiets – und ich fühlte mich wie ein totaler Fahrrad-Anfänger, als ich losfuhr. Das Fahrgefühl war für mich so anders und ungewohnt, da man sich eben nicht in die Kurve legen kann, wie mit einem einachsigen Gefährt. Soviel zu der vermuteten Stabilität beim Fahren! Es gibt neuerdings auch Modelle mit Neigetechnik; diese habe ich aber noch nicht getestet, da sie völlig aus unserem Preisrahmen fielen.

Ich wusste sofort, dass es so ein Modell nicht werden würde!

Der zweite Test erfolgte mit einem langen Rad der Marke Cangoo. Auch bei diesem Rad – wie bei dem ersten – fuhr unsere mittlere Tochter gleich als Passagier mit. Und schon nach wenigen Metern fühlte ich mich mit dem Rad viel sicherer als mit dem breiten Rad und konnte munter meine Runden drehen.

Aus unseren Online-Suchen hatte ich erfahren, dass es auch bei diesem Radtyp massive Preisunterschiede gibt – man bekommt Modelle mit einfacher 3-Gang-Nabenschaltung teilweise für unter 1000,- €, und auch Modelle von Bakfiets mit 7-Gang-Schaltung waren zu finden, die im Bereich von 1400,- € lagen. Allerdings erfuhr ich, dass man diese Modelle nur online bekommt und teilweise noch nicht mal endmontiert – jedenfalls nicht ohne Aufpreis. Teilweise liest man auch davon, dass es „nur“ die chinesische Billigvariante sei, die qualitativ nicht zu empfehlen wäre, aber das kann ich nicht weiter beurteilen. Garantiefälle dürften auf jeden Fall schwieriger zu klären sein; daher ist es meiner Meinung nach sinnvoller, sich in einem Fachgeschäft beraten zu lassen – und dann auch dort zu kaufen.

Aber ich schweife ab – zurück zu den verschiedenen von uns getesteten Radtypen und dem Longbike…

Wie wir zum Longbike kamen

Wir waren uns zwar zu 100 % sicher, dass es kein „Dreirad“ werden würde, aber waren uns bezüglich der langen, einachsigen Variante mit Korb vorne nicht sicher – wie groß muss der Korb sein, damit die Kinder auch noch reinpassen, wenn sie etwas größer werden? Wohin mit dem Gepäck? Manche „Long John“-Räder haben keinen Gepäckträger, und man kann leider nicht ausschließen, dass die Kinder die Einkaufstüten mit ihren Füßen traktieren…

Meiner Frau fiel ein weiteres Lastenrad wieder ein, dass wir online schon einmal gesehen haben – dies hier aus Italien: http://www.bicicapace.com/bikes/justlong/

Aus dem Augenwinkel hatten wir es bereits bei Ahoi Velo gesehen, aber leider noch nicht getestet.

Dies holten wir ein paar Tage später nach und waren uns sofort klar, dass dies unser neues Lastenrad werden sollte!

Wir bestellten es direkt im Laden, und nach einiger – dem Hersteller und der Lieferung aus Italien geschuldeten – Wartezeit bekamen wir das Fahrrad und kurz danach auch den zweiten passenden Kindersitz – einen HAMAX Caress (* Affiliatelink). Wir haben zwei identische Sitze dieses Modells gekauft und konnten sie bequem hinten montieren. Der Vorteil des Kindersitzes: Er lässt sich einfach über massive, stabile Klammern, die in der Breite variabel sind, direkt auf dem Gepäckträger des Rades sicher befestigen, und die Neigbarkeit des Sitzes ermöglicht es den Kindern, auch mal auf dem Rad einzuschlafen.

Unser Modell hat folgende Sonderausstattung gegenüber dem 3-gängigen Standardmodell:

  • Eine Shimano Affine 8-Gang-Nabenschaltung (mit Freilauf)
  • Das „Child-Pack“ mit der gepolsterten Sitzbank, Rahmen und Gewebe-Verkleidung des Rahmens
  • die 100% wasserdichte Variante der Vordertasche
  • „Pannensichere“ Reifen

Insgesamt wurden dafür inkl. Montage etwas über 2200,- € fällig. Man kann statt der standardmäßig verbauten Trommelbremsen auch für ca. 200 € mehr Scheibenbremsen bekommen, aber wir haben uns für die Standardausstattung entschieden und sind mit der Bremswirkung völlig zufrieden. Das Grundmodell ohne die oben genannten Extras kostet um die 1500,- €.

Mit voller Besetzung unterwegs

Bicicapace Justlong Vorteile:

  • Es fährt sich hervorragend, fast wie ein ganz normales Fahrrad. Natürlich ist es kein Rennrad, aber zum problemlosen „Mitschwimmen“ im Stadtverkehr ist es völlig ausreichend, und auch längere Touren dürften kein Problem sein. Mit mehreren Kindern hinten drauf ist es sowieso nicht so ratsam, zu „heizen“.
  • Man kann (theoretisch) bis zu 3 Kinder und Gepäck darauf transportieren. Realistisch – und für uns konkret wichtig – ist es, 2 Kinder hinten auf dem „Gepäckträger“ (eher der Pickup-Ladefläche) und jede Menge Zeug in der vorderen Tasche transportieren zu können.
    Wenn die Kids größer werden und nicht mehr im Kindersitz einschlafen, könnte man die Kindersitze später weglassen und sie direkt auf der gepolsterten Sitzfläche sitzen lassen. Oder das Rad als reines Lastenrad für Wasserkisten, Ikea-Einkäufe oder andere schwere Dinge nutzen.
  • Beim Beladen kann man dank des super-stabilen, doppelseitigen Fahrradständers bequem das Rad alleine hinstellen. Auch mit Kindern drin. (Nicht weggehen, klar.)
  • Es passt in unseren Keller – nicht den Fahrradkeller des ganzen Hauses, sondern unseren eigenen, den wir über die hauseigene Tiefgarage bequem erreichen können.
  • Es passt theoretisch in die Bahn (S-Bahn / Regionalverkehr…), wenn auch vielleicht nicht in jeden Fahrstuhl – das müssen wir noch testen.
  • Man bekommt jede Menge Aufmerksamkeit dank eines so ungewöhnlichen Fahrrads.

Im Alltag macht es einfach Spaß, mit dem Bicicapace Justlong die Kinder herumzukutschieren. Unsere Kleine freute sich in der Anfangszeit jeden Tag darauf und rief beim Losfahren aus dem Keller heraus immer an der selben Stelle ein erfreutes „Huuui“! Sowohl sie als auch ihre größere Schwester schliefen noch lange Zeit in den Kindersitzen einigermaßen bequem ein. Es ist sogar so, dass ich als „Neben-Nutzer-Vater“ immer gerne morgens mit den Kleinen zum sehr nahe gelegenen Spielplatz fahre, damit das Rad für den Tag bereit steht. Man ertappt sich sogar dabei, Großeinkäufe gerne durchzuführen, da man einfach so viel Einkäufe inkl. Wasserkasten einfach in die große Vordertasche packen kann. Das zusätzliche Gewicht merkt man beim Fahren kaum!

Gibt es auch Nachteile?

  • Natürlich. Kein Rad ist perfekt für alle Situationen – schnell alleine fahren geht besser mit einem leichten Rennrad, Singlespeed oder Crossrad.
  • Das Bicicapace Justlong ist schon vom Eigengewicht her recht schwer – tragen möchte man es sicherlich nicht. Alleine auf keinen Fall, zu zweit vielleicht kurz. Aber andere Lastenräder sind noch viel schwerer!
  • Wenn man den Korb des Rades komplett voll belädt, lässt sich bei leichten Lenkbewegungen ein Schlingern beim Fahren nicht vermeiden. Physik halt!
  • Die anderen Lastenrad-Typen „Dreirad“ und „Long John“ lassen sich wahrscheinlich leichter wetterfest ausbauen, aber ich habe schon ein paar Ideen gesehen, die auch aus unserem Italiener ein wetterfestes Gefährt machen könnten.
  • Komplett vollgepackt und mit größer werdenden Kindern steigt natürlich das Gewicht, daher würde man sich bei längeren Touren oder bei Strecken mit Steigungen doch eine E-Motor-Unterstützung wünschen. Wir überlegen aktuell, ob das technisch sinnvoll und finanziell machbar umzusetzen ist.

Bicicapace Justlong Langzeit-Erfahrungen

Nun, im Januar 2020, sind fast zwei Jahre nach dem Kauf vergangen. Wir freuen uns jeden Tag über dieses tolle Fahrrad, und immer noch zieht man die Blicke interessierter Mitmenschen auf sich. Vor allem, wenn man sich mal in Stadtteilen bewegt, in denen man nicht jeden Tag ist.

Der Wartungsaufwand hielt sich bisher in Grenzen – nach knapp einem Jahr wurde eine neue Kette fällig, und da die Schaltung komische Geräusche machte und knackte, wurde ein Werkstattaufenthalt nötig. Dabei stellte sich etwas höherer Pflegebedarf für die Nabe heraus, der aber innerhalb der Garantie abgewickelt wurde. Wir bekamen sogar für die Ausfallzeit ein Long John kostenfrei zur Verfügung gestellt!

Zweimal hatten wir einen Platten am Hinterrad – beim ersten Mal hatte ich mir zur Reparatur einen ruhigen Sonntagnachmittag ausgesucht, im benachbarten Park das Fahrrad umgedreht und mit Anleitungen und YouTube bestückt den Austausch des Schlauches vorgenommen. Gut, dass ich Ruhe hatte, und trotz kurzer schweißtreibender Momente (als ich die Nabe in Teilen vor mir hatte) konnte ich die Reparatur erfolgreich abschließen.

Beim zweiten Mal war es wieder das Hinterrad, und diesmal tauschte ich auch den Mantel, der schon deutliche Abnutzungsspuren aufwies. Diesmal profitierte ich von den Erfahrungen des ersten Mals.

Gute Pflege und regelmäßiges Justieren der Schaltung sowie schätzungsweise eine neue Kette pro Jahr sollten eine lange Lebensdauer gewährleisten.

Mit dem Rad samt Kind und Kegel an den Strand

Noch empfehlenswert:

Ich möchte an dieser Stelle gerne auf die Website und den YouTube-Kanal „Radelbande“ verweisen. Der Betreiber, zu dem ich durch Zufall Kontakt aufgenommen hatte, nachdem er unser Fahrrad bei einer Veranstaltung im Volkspark parkend fotografiert hatte und auf Instagram gepostet hatte, berichtet dort auf sehr angenehme Art und Weise von seinen Erfahrungen mit Lastenrädern. Unbedingt anschauen und abonnieren!

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